Lawinen sind Schnee- und Eismassen, die plötzlich aufgrund eines auslösenden Momentes an Berghängen
niedergehen können. Die Ursache ist immer eine kritische Instabilität im Zusammenhalt der Schneedecke.
Der weiße Tod kam unverhofft
Bereits seit Wochen hatte es stark geschneit, viele Straßen waren infolge meterhoher Neuschneemassen unpassierbar. Der zuständige
nationale Lawinenwarndienst meldete die höchste Lawinenwarnstufe fünf. Dann plötzlich, am 23.02.1999 gegen 16 Uhr,
geschah es: an einem Berghang etwa 1300 Höhenmeter oberhalb der kleinen Gemeinde Galtür in Österreich löste sich
auf einer Länge von etwa 500 Metern ein gigantisches, 170.000 Tonnen schweres Schneebrett. Sekunden später entwickelte
sich daraus eine gewaltige Lockerschnee- und Staublawine.
Mit rund 300 km/h, der Geschwindigkeit eines Formel-1-Rennwagens,
schoss sie mit donnerndem Getöse den Hang hinab und riss dabei nahezu noch einmal die gleiche Menge an Schnee
mit sich. Nach etwa 50 Sekunden schließlich erfassten so insgesamt über 300.000 Tonnen Schnee und Schneestaub
den idyllischen Skiort am Talgrund. Das aufgepeitschte Luft-Schneestaub-Gemisch übte dabei einen Druck von bis
zu 30 Tonnen pro Quadratmeter aus und ließ auch massive Gebäude wie Kartenhäuser einstürzen. Insgesamt 31 Menschen
verloren in dem weißen Inferno ihr Leben.
Wie malerische Winterlandschaften, so sind auch zerstörerische Lawinen charakteristisch für Hochgebirgsregionen.
Doch erst mit der Entwicklung des Skisports zum Massensport fordern sie eine rasant steigende Zahl an Opfern - rund
200 Menschen pro Jahr sind es inzwischen in den europäischen Alpen. Das Fatale dabei: etwa 90 Prozent der Betroffenen
haben „Ihre“ Lawine selbst ausgelöst.
Lawinenopfer brauchen rasche Hilfe
Wer von der Kraft einer ins Tal schießenden Lawine nicht sofort getötet, jedoch
von den Schneemassen begraben wird, für den beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr. Kann er innerhalb der ersten 15 Minuten
von Rettungsteams geborgen werden, liegt seine Überlebenschance bei immerhin rund 90 Prozent. Nach nur einer Stunde
jedoch sinkt sie bereits auf nur noch 25 Prozent. Die in der Praxis sehr komplizierte Beurteilung der lokalen Lawinengefahr sowie
die etwaige Herausgabe von Lawinenwarnstufen ist Aufgabe der nationalen Lawinenwarndienste.
Die Auslösung einer Lawine hängt jeweils von einer Vielzahl von
Faktoren ab, die sich wechselseitig beeinflussen können. So spielen Wind- und Temperaturverhältnisse sowie die
Schneebeschaffenheit wichtige Rollen. Letztlich kommt es zu einer Lawine, wenn eine Schneemasse in sich instabil
wird, wenn also die Belastung der Schneemasse durch interne Druck- und Spannungskräfte größer wird als es die
Bindungskräfte erlauben.
Kritisch wird es zum Beispiel, wenn große Neuschneemengen auf darunterliegende Altschneedecken
einen hohen Druck ausüben. Dadurch verschmelzen die ursprünglich gut ineinander verhakten Schneesternchen
des Altschnees zu kleinen Eiskügelchen und wirken so für den darauf lagernden Neuschnee wie ein großes Kugellager.
Eine andere Gefahr lauert entlang steiler Gebirgsgrate: weht der Wind dort längere Zeit stark genug aus einer
Richtung, so können sich leeseitig des Grates mächtige, überhängende Schneemassen, sogenannte Wächten, bilden.
Brechen diese schließlich ab, können sie zum Ausgangspunkt einer Lawine werden.
Mächtige Wächten an den
Gipfelgraten der Mont-Blanc-Gruppe.
Die verschiedenen Lawinenarten
Man unterscheidet mehrere Lawinenarten:
Staublawinen:
Staublawinen treten bei Temperaturen unter 0 Grad auf.
Es handelt sich dabei um lockeren, trockenen Pulverschnee, der besonders nach intensiven
Neuschneefällen in Form von staubwolkenartigen, extrem schnellen Lawinen
steile Berghänge hinunterrasen kann. Die große Gefahr bei Staublawinen ist weniger die Schneemasse
bzw. das Gewicht der Schnees, sondern vielmehr die auftretenden turbulenten Windströmungen,
die durch die Luftverdrängung an der Vorderseite der Staublawine entstehen. Sie können
bis zu 400 km/h erreichen und beim Menschen zum Beispiel zum Platzen der Lunge führen.
Die Ursachen für die Auslösung von Lockerschneelawinen liegt häufig in einer schlechten
Bindung zwischen Alt- und Neuschneedecke oder in unterschiedlichen Temperaturen zwischen Alt- und Neuschnee.
Grund- bzw. Nassschneelawinen:
Diese Lawinenart reisst durch ihr Gewicht
mit sich, was sich ihr in die Quere stellt und nicht extrem gut verankert ist. Es handelt sich um nassen, stark
verdichteten Feuchtschnee, der vor allem bei Tauwetter im Hochgebirge
meist in unterspülten Rinnen und Mulden vorzugsweise in klassischen Lawinenbahnen
abgeht. Auf dem Weg ins Tal reichert sich in der Lawine mitgerissenes
Material (Bäume und Felsmaterial) an, das die Lawine noch zerstörerischer macht.
Schneebrettlawinen:
Schneebrettlawinen sind Lawinen, die entstehen können, wenn
sich durch eine zunehmende, ungleichmäßige Verfestigung Spannungen in einer Schneedecke
aufgebaut haben, die dann z.B. durch eine mechanische Auslösung spontan mit einem lauten Knall
und einem Abgleiten des Schneebrettes ins Tal abgebaut werden.
Schneebrettlawinen werden häufig durch Skifahrer ausgelöst, die die Gefahrensituation verkennen.
Befindet man sich unterhalb der Abrisskante des Schneebrettes, so wird man mitsamt dem Schneebrett
ins Tal gerissen, was meist mit erheblichen Gesundheitsschäden bis hin zum Tod verbunden ist.
Eislawinen:
treten am Rande von Gletschern auf. Es handelt sich hierbei
um Firneis, das vor allem nach längerem Tauwetter spontan abbrechen kann. Durch die hohe Dichte und das Gewicht
des Firneises sind Eislawinen ebenfalls sehr zerstörerisch, sofern sich
ihnen etwas in den Weg stellt (was aber meist nicht der Fall ist, da die Gefahrenstellen in der Regel gut bekannt sind).